Drei Tage mit Schneeschuhen unterwegs am fünfthöchsten Berg Österreichs.

 
 

Alles ist weiß. Obwohl die Kürsingerhütte erst wenige Schritte hinter uns liegt ist sie schon nicht mehr zu erkennen, nicht mal ein Umriß oder eine Schattierung. Ein konturloses Nichts umgibt uns. Unter unseren Schneeschuhen knirscht der in der letzten Nacht gefallene, unberührte Neuschnee. Nebel und Wolkenschwaden hängen tief im Obersulzbachtal, umhüllen uns und verbinden sich mit dem gleichfarbigen Untergrund zu einem alle Orientierungshilfen verschluckenden Etwas ohne oben und unten. Keine Spur von den sonst so vertrauten rot-weißen Wegmarkierungen und auch von sonst nix, was weiter als 30 Meter entfernt ist; nur hier und da mal ein Stück Fels erinnert daran, dass wir uns doch auf einem Berg befinden. Der Wind pfeift. Uns weht Graupel ins Gesicht. Die Morgenluft ist frisch und kalt. 

Freitag

Dabei hatte am Vortag alles so gut angefangen. Mit dem Bergsteigertaxi ging es morgens vom Parkplatz Hopffeldboden (1.078m) bei Neukirchen am Großvenediger über Schotterpisten etwa weitere zehn Kilometer in das Obersulzbachtal hinein. An der Talstation der Materialseilbahn am Oberen Keesbooden (1.928m) hielt der Kleintransporter, wir bezahlten, bedankten uns beim Fahrer und luden unsere Rucksäcke und Ausrüstung in die kleine Lastengondel. Das Wetter hätten wir uns schöner nicht wünschen können. Während unten auf dem Parkplatz noch etwas Regen vom Himmel tröpfelte, schien hier und jetzt, fast 900 Höhenmeter weiter oben, die Sonne durch große Löcher in den Wolken auf das noch dick mit Schnee bedeckte Rundherum. Etwa 850 Höhenmeter weißer Winterlandschaft lagen verteilt auf rund fünf Kilometer Wegstrecke vor uns. Etwas anders als im Vorfeld geplant und leicht überrascht ob der noch so großen Schneemenge schnallten wir uns bereits für die ersten Meter der Tour die Schneeschuhe an und stapften los.

Zunächst verlief der Weg moderat ansteigend. Die Maisonne, der tiefe, nasse Schnee und die trotz der Höhe recht milden Temperaturen machten den Weg dennoch zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Aus etwas Entfernung hallte das Krachen und Klacken vereinzelten Steinschlags und das Donnern kleinerer Lawinen zu uns herüber, während wir uns unseren Weg durch das maiwinterliche Idyll bahnten. Die hochalpinen Frühlingsboten waren in Hör- und Sichtweite. 

Nach etwa der Hälfte der Strecke querten wir einen Gletschersee (2.205m), an dessen Stelle sich zu Zeiten der Erstbesteigung des Großvenedigers im Jahr 1841 noch ein rund 200 Meter dicker Eispanzer befand. Ignaz von Kürsingen taufte dessen wilden Eisbruch damals auf Grund seines Aussehens Türkische Zeltstadt. Der Klimawandel hat diesen osmanischen Campingplatz mittlerweile abgebaut und so lag nun eine weite, schneebedeckte Eisfläche zu unseren Füßen, die uns eine Direttissima quer über den See und somit eine angenehme, weil auch völlig ebene Abkürzung ermöglichte.

Hinter dem See stieg der Weg, oder vielmehr das Gelände nun deutlich steiler an. Ohne große Probleme meisterten wir auch die letzten paar hundert Höhenmeter und kehrten am Nachmittag auf der Kürsingerhütte (2.558m) ein. Unser Domizil für die nächsten beiden Nächte war also erreicht. Bei Kaffee, Kuchen, deftiger Hüttenkost und Bier ließen wir den herrlich sonnigen Spätwintertag auf der Hüttenterrasse ausklingen, während neben uns vom Dach abrutschende Schneebretter auf die Holzplanken klatschten. 

Samstag

Und nun an diesem frühen, nächsten Morgen ist also alles ganz anders. Weder die Sonne und schon gar nicht der Gipfel lassen sich in dem Nichts aus Weiß ausmachen. Einziger Orientierungspunkt sind ein paar Pixel auf dem Display unseres GPS-Geräts. Diesem vertrauend stapfen wir weiter hinein in die weiße Suppe. Es gibt so gut wie keine Wegmarkierung und auch keine Spur im Schnee der man folgen könnte. Aber wir glauben an die Ortskenntnis der Technik, den eigenen Orientierungssinn und die dann doch vereinzelst aus dem Schnee ragenden Markierungen, deren rote Punkte in all dem Weiß wie einsame Sirupspritzer in einem riesigen Teller Griesbrei wirken. Dennoch: hier ist der Weg, so verkehrt können wir gar nicht sein.  

Zweimal machen wir kehrt weil uns das Gelände doch zu unübersichtlich erscheint, wählen einen anderen Weg. Lieber ein paar Extrameter einlegen als irgendwo in eine Sackgasse zu geraten oder mit dem erstbesten Schneebrett abzurutschen. Gedanken ob das Ganze Sinn macht, ob man bei den Bedingungen überhaupt den Gipfel irgendwann erreichen kann tauchen natürlich auf, werden aber gleich wieder beiseite geschoben. Trotzdem ist bereits nach etwa zwei Stunden die Erkenntnis da, dass es weit länger als die eingeplanten viereinhalb Stunden dauern wird, bis wir ganz oben auf dem Berg stehen werden; der permanente Wechsel aus hundert Metern gehen und dem Kontrollblick auf das GPS-Gerät kostet dafür einfach zu viel Zeit. Immerhin hilft die Gewissheit, dass es zurück zur Hütte - der eigenen Spur folgend - doch deutlich schneller gehen wird. 

Irgendwann hören wir hinter uns ein Schnaufen. Das etwas überanstrengte Großhirn denkt zunächst an den Yeti, erkennt dann aber doch recht schnell einen einzelnen Skitourengeher, der von der Hütte aus unserer Spur gefolgt ist und sich nun langsam aus der Nebelwand heraus schattiert. Wir tauschen uns kurz über das bislang erlebte aus, bestätigen uns gegenseitig in den ungünstigen Sichtverhältnissen und beschließen ein Stück zusammenzugehen und setzen so als nun sechsköpfiger Tross den Marsch für das nächste Teilstück fort.

Den Gletscherrand erreichen wir fast unbemerkt. Es liegt so viel Schnee, dass einfach kein Unterschied auszumachen ist. Auch wenn dadurch das ganze Unterfangen deutlich anstrengender ist, etwas Gutes hat es doch: die Gletscherspalten sind alle weitestgehend zugeschneit. Wir lassen Seil und Gurte also in den Rucksäcken und setzen die Tour fort, ackern uns weiter den Berg hinauf. 

Und dann plötzlich reißt die Wolkendecke auf! Die Sonne hüllt die ganze Szenerie in ein grelles Licht. Der Nebel lichtet sich und alles erhält plötzlich Kontraste, Schattierungen und Texturen. Wir halten inne und genießen erstmals ein Bergpanorama, das uns wie ein unerwartetes Geschenk in den Schoss gefallen zu sein scheint. Zum ersten Mal ist die riesige weiße Landschaft in der wir uns befinden in ihrer Gänze auszumachen. Und zum ersten mal sehen wir wieviel vom Berg sich vor uns noch auftürmt. Für die nächsten zwei bis drei Stunden bedeutet das noch ein ganzes Stück Arbeit. Wir befinden uns etwa 500 Höhenmeter unterhalb des Gipfels - und leider seit unserer letzten Richtungskorrektur vor knapp einer halben Stunde auch nicht (mehr) in seiner richtigen Flanke. Anstelle der eigentlich angedachten Venedigerscharte (3.405m), liegt in Verlängerung unserer Spur der Westgrad (3.230m), für uns eine durch steilen Fels gleichermaßen eindrucksvoll wie konsequent begrenzte Sackgasse. 

Wir korrigieren also erneut, kehren quasi um, steigen gerade erst mühsam eroberte 100 Höhenmeter wieder ab und queren über den Gletscher zurück auf die eigentlich angedachte Route. In kleineren und größeren Serpentinen ziehen wir unsere Spur in den Schnee und steigen über den steilen Hang weiter aufwärts in Richtung Scharte. Es dauert ein bisschen bis wir letzlich tatsächlich auf diesem Plateau zwischen Groß- und Kleinvenediger (3.470m) stehen. Hinter uns liegt das Salzburger Land, nach vorne schweift der Blick über Osttirol, etwa 25 Kilometer westlich von uns liegt die Glocknergruppe. Dazwischen ein Meer aus schneebedeckten Gebirgszügen der Hohen Tauern. Der Wind pfeift und treibt ausgefranste Wolkenfetzen über uns hinweg.

Wir verweilen, lassen ein wenig den Ausblick auf uns wirken, wenden uns dann aber in Richtung Südwesten dem letzten Anstieg zu. Der Gipfel liegt etwa 250 Höhenmeter über uns und bis dort hin sind es nicht viel mehr als 800 Meter. Hier oben in jetzt rund 3.400 Metern Seehöhe ist der Schnee angenehm fest. Jeder Schritt knirscht auf dem Firn, die Schneeschuhe sinken nicht so tief ein und das Gehen fällt einigermaßen leicht, auch wenn die Beine anmerken, dass sie nun schon einiges an diesem Tag geleistet hätten. Haben sie ja auch, aber die Motivation siegt, aufgeben gibt es jetzt nicht mehr, nicht so kurz vor dem Ziel. 

Eine letzte kleine Aufgabe stellt noch einmal die knapp mannshohe Wechte dar, die über den Winter hinweg den Gipfelgrat dick eingepackt hat. Wir krabbeln auf allen Vieren die Schneestufe hinauf. Nun ist es bis zum Gipfel nur noch ein kurzer Spaziergang den Gipfelgrat entlang. Die Schritte sind vorsichtig und bedacht, großzügig breit ist der Grat nicht, links und rechts fallen die Schneehänge steil ab. Dennoch fühlt es sich nach der zurückliegenden Schinderei und den widrigen Bedingungen wie ein stolzer Triumphmarsch an.

Es ist früher Nachmittag als wir die letzten zehn Höhenmeter hinaufkraxeln. Achteinhalb Stunden sind seit unserem Abmarsch an der Kürsingerhütte vergangen und nun stehen wir endlich auf dem Gipfel, der zu dieser Jahreszeit eine gefühlt bierdeckelgroße Spitze eines Firnkegels ist, der das Gipfelkreuz um einige Zentimeter überragt. Wir haben es geschafft, ein tolles Gefühl! 

Der Ausblick am Gipfel ist noch einmal beeindruckender als von der Scharte aus. Zehn Kilometer westlich von uns liegt die Grenze zu Südtirol, nach Süden reicht der Blick bis in die Dolomiten, zumindest immer dann wenn der Wind die einzelnen Wolkenfelder günstig zurecht sortiert. Auf dem Gletscher unter uns machen wir zwei kleine Grüppchen aus, die sich ebenfalls auf dem Weg zum Gipfel befinden - unserer Spur folgend. Aber für den Moment gehört der Berg uns. 

Der Abstieg fällt naturgemäß deutlich leichter. Um die Route müssen wir uns keine Sorge machen, wir folgen in umgekehrter Richtung einfach unserer Spur. Im Steilhang von der Venedigerscharte hinab treffen wir auf die erste der beiden anderen Gruppen. Ein kurzes Hallo, dann geht es aber auch schon weiter. So gut wir uns auf den Abwärtspassagen mit dem Gehen arrangieren, umso überflüssiger erscheint es uns in den vereinzelten Anstiegen. Noch einmal geht der Puls hoch und der Schweiß rinnt aus allen Poren. 

Als wir wieder an der Kürsingerhütte ankommen, wird in der Gaststube bereits das Abendessen serviert. Rund elfeinhalb Stunden waren wir an diesem Tag unterwegs. Der Körper schreit eigentlich nur nach Flüssigkeit, trotzdem muss er sich direkt mit Suppe, Wiener Schnitzel, Preiselbeeren und Kartoffeln anfreunden. Beim Essen fallen uns fast die Augen zu. Jeder Bissen macht satt und müde zugleich und so fällt der eigentlich verdiente Hüttenabend eher kurz aus. Müde, geschafft, aber zufrieden fallen wir ins Bett.

Sonntag

Wie bei Wochenendausflügen so üblich, so war auch an diesem Sonntag Abreisetag. Im Falle der Kürsingerhütte bedeutet dies allerdings erstmal gut zwei Stunden Abstieg - mindestens. Wir hatten uns allerdings bereits im Vorfeld für die etwas bequemere Variante entschieden und so luden wir nach dem Frühstück wieder unsere Rucksäcke in die Materialgondel, verabschiedeten uns an der Hütte und machten uns auf in Richtung Talstation, von wo uns das Bergsteigertaxi zurück zu unseren Autos bringen sollte. 

Schritt für Schritt glitten unsere Schneeschuhe durch den nassen, schweren und weichen Schnee, dem die Sonne und die verhältnismäßig warmen Temperaturen der letzten Tage nun doch bereits deutlich zugesetzt hatten. Wir gingen ohne Hast, aber trödelten auch nicht und so erreichten wir etwa zweieinhalb Stunden später die Talstation der Materialgondel, wo unsere Rucksäcke bereits auf uns warteten. Wir tauschten die durchgeschwitzten Klamotten gegen frische und warteten zusammen mit ein paar Murmeltieren, die sich unweit von uns auf den Felsen sonnten, auf das Bergsteigertaxi.

 
 

Die Tour: 12. - 14. Mai 2017

  • Freitag, 12. Mai 2017: Frühe Anreise mit dem PKW aus Richtung München kommend bis Parkplatz Hopffeldboden, dann Bergsteigertaxi bis zum Oberen Keesboden und Aufstieg zur Hütte.
  • Samstag, 13. Mai 2017: Gipfeltour Großvenediger.
  • Sonntag, 14. Mai 2017: Abstieg von der Hütte zum Oberen Keesboden, Bergsteigertaxi bis zum Hopffeldboden, Anbreise mit PKW

Mit dabei: Björn (Hamburg), Christian (München), Alex, Frank und Jörg (alle drei Düsseldorf).

Großvenediger

Der Großvenediger ist mit seinen 3.666m nach Großglockner (3.798m), Wildspitze und Weißkugel der vierthöchste, nimmt man die Glocknerwand noch hinzu: der fünfthöchste Berg Österreichs. Er bildet den Hauptgipfel der Venedigergruppe in den Hohen Tauern am Alpenhauptkamm auf der Grenze zwischen Salzburg und Ostirol. Sein Gipfel ist stark vergletschert. Die Erstbesteigung gelang am 3. September 1841 einer Gruppe um Ignaz von Kürsingen, nach dem die heutige Kürsingerhütte benannt ist.

 
 
 
 

Mehr Infos zu dieser Tour finden sich in der Abenteuer-Rubrik.