Ein Stück Berlin in den Alpen

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Mit dem Anmut eines Grand Hotels erwartet die Berliner Hütte auf der Schwarzsteinalm den vom Schönbichler Horn herabsteigenden Bergwanderer, genauso wie den durch den Zemmgrund heraufkommenden Tagesausflügler. Da die Sektion Berlin bei jeglichen Umbauten und Erweiterungen der 1879 errichteten Hütte in Umfang und Ausstattung, sowie Dekoration eher geklotzt statt gekleckert hat, beeindruckt das mittlerweile denkmalgeschützte Bauwerk nicht nur durch seine schiere Größe. Der Blick von der Terrasse hinüber auf die dem Klimawandel trotzenden Überbleibsel von Horn- und Waxeggkees ist spektakulär, das Foyer imposant und der aufwändig holzvertäfelte Speisesaal in Turnhallengröße beinahe atemberaubend. Wer sich von der Couch aus davon überzeugen möchte, bemühe die Bildersuche im Internet und wer dann noch ein wenig tiefer in die Materie eintaucht, stellt schnell fest, dass dieses “Stück Berlin in den Alpen” auf einem faszinierenden Rundwanderweg durch den Zillertaler Hochgebirgs-Naturpark liegt, der die Bergsteigerherzen höher schlagen lässt. Spätestens jetzt sollte man von der Couch aufstehen und den Rucksack packen - so wie wir im August 2017.

 
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Von Hamburg aus geht es mit der Bahn ins Zillertal. Die Touristen am Bahnhof in Mayrhofen lassen wir mit dem Postbus hinter uns. In Finkenberg (839m) beginnt dann mittags der erste Tagesabschnitt hinauf zur Gamshütte (1.916m). Zunächst durch den Wald, später über Bergwiesen stetig ansteigen, stellt uns der 3,5 Stunden Aufgalopp trotz der schwülen Witterung vor keine größeren Herausforderungen, auch nicht das Radler und der Apfelstrudel auf der Hüttenterrasse. Etwas mehr Überwindung kostet dann schon die gesäßkalte Außendusche. Dafür entschädigt der Blick auf das in der Dämmerung unter uns liegende Mayrhofen, während erstes Donnergrollen das zur Nacht herannahende Gewitter ankündigt.

Davon ist am nächsten Tag nichts mehr übrig und so gehen wir die lange zweite Etappe bei Bilderbuchwetter an. 8,5 Stunden wandern wir auf schmalen Pfaden durch steile Grasflanken, knorrige Zirbenhaine und über grobes Blockwerk, bis wir spätnachmittags am Friesenberghaus (2.477m) ankommen.

Die dritte Etappe ist die kürzeste von allen und so streuen wir am Vormittag noch den Gipfel des Hohen Rifflers (3.168m) ein. Über Blockwerk geht es in knapp 2 Stunden auf den höchsten Gipfel der Verwallgruppe. Ein ordentlicher Wind treibt Nebelschwaden über und um uns vor sich her, eine fast schon mystische Szenerie. Fernsicht nur, wenn alle Schwaden hintereinander eine kleines Fenster bilden. Das was wir dann aber sehen sieht schon beeindruckend aus. Den einen sprichwörtlichen Steinwurf entfernt liegt der Hintertuxer Gletscher. Der Abstieg geht etwas schneller und nach der Mittagspause nehmen wir uns die Hauptaufgabe des Tages vor: die Etappe zur Olpererhütte (2.389m) ist über gute Plattenwege schnell und problemlos bewältigt.

Ab dem vierten Tag sollte es, wer auch immer für die dicke Suppe, die an diesem Morgen tief in den Tälern hängt, verantwortlich zeichnet, nicht mehr so gut mit uns meinen. Durch dichten Nebel steigen wir von der Olpererhütte ins Zemmtal (1.782m) an das Ufer des Schlegeisspeichers hinab. Von der viel beschriebenen Fernsicht auf die umliegenden Gletscherriesen des Alpenhauptkamms ist genauso wenig zu sehen, wie vom Stausee selbst, den wir in der weißen Brühe eigentlich erst sehen, als wir fast schon drin stehen. Über einen Fahrweg schlendern wir am Südufer entlang, bevor es am Ende der Etappe noch einmal rund 500 Höhenmeter zum Furtschaglhaus (2.295m) hinauf geht. Der Nebel hat sich mittlerweile freundlicher Weise aufgelöst, dafür aber in Regen, Hagel und Gewitter verwandelt und so haben der letzte Tagesanstieg eher Berglaufcharakter und Trockenraum, Tiroler Gröstl, sowie heiße Schokolade unsere größte Aufmerksamkeit. Draußen tobt derweilen ein Unwetter.

Am nächsten Morgen ist erneut nichts mehr davon zu spüren. Nur diesmal hatte es die Zentralalpen ordentlich erwischt. Wir brechen noch recht ahnungslos an der Hütte auf zum Schönbichler Horn (3.134m), dessen Gipfel am Ende noch mal einige Meter Kraxelei erfordert, dafür dann aber mit einem herrlichen Rundumpanorama aufwarten kann. Und mit einem halbwegs stabilen Mobilfunknetz und so erreichen uns per SMS Berichte über das, was in der Nacht so alles passiert war.

Der massive Regen hatte die Gletscherabflüsse anschwellen und über die Ufer treten lassen. Etwas besorgt beginnen wir mit dem Abstieg und bis wir auf einen ersten Wanderer treffen, der uns von der Berliner Hütte entgegen kommt, ist nicht wirklich klar, ob diese aktuell erreichbar ist oder im schlimmsten Fall überhaupt noch steht. Der Wanderer beruhigt uns, die Hütte stünde noch, sei allerdings aufgrund des Verlusts einer Brücke nur über einen Umweg zu erreichen. Deutlich beruhigter setzen wir unseren Abstieg mit Blick auf die Zillertaler Gletscherwelt fort. Von dem nächtens sicherheitshalber evakuierten Nebengebäude, gegen dessen Außenwand das Wasser des Zemmbachs bedrohlich drückte, erfahren wir erst vom übernächsten uns entgegenkommenden Bergsteiger...

Und so sitzen wir dann am Ende eines langen und anstrengenden, aber tollen Tages auf der Terrasse der unversehrten Berliner Hütte (2.042m) in der Abendsonne und lassen uns den Leberkäse mit Spiegelei und Bratensoße schmecken. Dazu gibt es ein tolles Bergpanorama und eine ganz eigene Hüttenatmosphäre, nämlich die des Berlins der 1920er Jahre.

An den Folgetagen frischt der Fön deutlich auf. In den Auf- und Abstiegen ist es ordentlicher Wind, oben in den Scharten nordseereifer Sturm. Und so sind die Etappen über die Mörchnerscharte (2.872m) zur Greizer Hütte (2.227m) und tags darauf über die Lapenscharte (2.701m) zur Kasseler Hütte (2.177m) eher ungemütlich, machen aber dennoch irgendwie Spaß, den die Landschaft und die Wege lassen einen das Wetter vergessen.

An der Kasseler Hütte endet der Berliner Höhenweg nach etwas mehr als 70 Kilometern. Die “Zillertaler Runde” sieht eigentlich noch eine weitere Etappe zur Edelhütte (2.237m) vor, wir entscheiden uns aber mit Blick auf den Wetterbericht für einen Abstieg in den Stillupgrund, den wir noch bis zum gleichnamigen Stausee (1.110m) gemütlich auswandern, um von dort mit dem Bus zurück nach Mayrhofen zu fahren. Damit endet eine tolle, hochalpine Tour, die nicht ganz ohne Anstrengungen zu bewältigen ist, aber jedem Bergwanderer doch ans Herz gelegt gehört.

 

Wir haben von der Tour auch einen kleinen Film mitgebracht, dieser findet sich in der Rubrik Film. Alle weiteren Infos zur Tour finden sich hier.